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60’000 Gesperrte – wie die Schweiz Spieler schützt
Es gibt eine Zahl, die in Diskussionen über Sportwetten in der Schweiz fast nie vorkommt, obwohl sie zum Kern der Sache gehört: Rund 60’000 Menschen sind in der Schweiz von Casinos und Online-Geldspielplattformen gesperrt. 60’000 Personen, die irgendwann die Kontrolle verloren haben oder bei denen der Verdacht bestand, dass sie auf dem Weg dorthin waren.
Diese Zahl wird oft als Erfolg des Systems dargestellt – und in gewisser Hinsicht ist sie das auch. Die Schweiz hat eines der umfassendsten Spielerschutzsysteme Europas aufgebaut, mit Selbstsperren, Fremdsperren und seit 2025 sogar grenzüberschreitenden Sperren mit Liechtenstein.
Die andere Seite: 60’000 Sperren bedeuten auch 60’000 individuelle Geschichten von Menschen, die Hilfe brauchten. Und hinter jeder Sperre stehen Familien, Freundschaften, Karrieren, die belastet wurden. In acht Jahren im Sportwetten-Bereich habe ich gelernt, dass Spielerschutz nicht abstrakt sein darf. Er muss konkret sein, zugänglich und frei von Stigmatisierung.
Spielsucht in der Schweiz – Verbreitung und Entwicklung
Die Schweizer Gesundheitsbefragung 2022 des Bundesamts für Statistik liefert die aktuellsten Daten zur Verbreitung von Glücksspiel: 63.7 Prozent der Befragten haben irgendwann in ihrem Leben an Geldspielen teilgenommen, 44.5 Prozent innerhalb der letzten zwölf Monate. Das ist ein grosser Teil der Bevölkerung, und es zeigt, dass Glücksspiel in der Schweiz kein Randphänomen ist.
Sportwetten sind dabei nur ein Segment. Lotterien, Casinospiele und Online-Slots machen den grösseren Anteil aus. Aber Sportwetten haben eine Eigenschaft, die sie besonders anfällig für problematisches Spielverhalten macht: das Gefühl von Wissen und Kontrolle. Wer sich mit Fussball auskennt, glaubt, bessere Prognosen treffen zu können als der Durchschnitt. Diese Illusion – in der Fachsprache „Illusion of Control“ – kann dazu führen, dass Einsätze steigen und Verluste als „Pech“ abgetan werden statt als systemische Wahrscheinlichkeit. Die Marge des Buchmachers sorgt mathematisch dafür, dass langfristig immer der Anbieter gewinnt, nicht der Spieler.
Die ESBK hat in einer Stellungnahme betont, dass keine Tendenz zu einer grösseren Verbreitung von Spielsucht in der Schweiz erkennbar sei. Das ist eine beruhigende Nachricht, aber kein Grund zur Sorglosigkeit. 2025 hat die Schweiz 6.2 Millionen Franken für die Prävention von Spielsucht bereitgestellt – 0.5 Prozent des Bruttospielertrags von Lotterien und Sportwetten. Dieses Geld fliesst in kantonale Programme, Beratungsstellen und Forschung. Gemessen an Swisslos‘ Bruttospielertrag von 812 Millionen Franken ist der Anteil für Prävention allerdings bescheiden.
Selbstsperre und Fremdsperre – so funktioniert das System
Das Schweizer Sperrsystem unterscheidet zwischen zwei Grundtypen: der Selbstsperre und der Fremdsperre.
Die Selbstsperre ist der häufigere Fall. Du kannst dich bei jedem lizenzierten Anbieter selbst sperren lassen – online, per Telefon oder schriftlich. Die Sperre gilt sofort und umfasst alle Geldspielangebote des jeweiligen Anbieters. Bei Sporttip bedeutet das: keine Wetten, keine Lotterien, kein Zugang zum Konto. Die Mindestdauer einer Selbstsperre beträgt je nach Anbieter drei bis sechs Monate, und sie kann auf Wunsch verlängert oder auf unbestimmte Zeit ausgesprochen werden.
Die Fremdsperre wird durch den Anbieter oder durch nahestehende Personen ausgelöst. Wenn ein Wettanbieter feststellt, dass ein Kunde Anzeichen problematischen Spielverhaltens zeigt – ungewöhnlich hohe Einsätze, häufige Einzahlungen, vergebliche Versuche, Limits zu erhöhen – kann er eine Sperre verhängen. Auch Angehörige können sich an die ESBK oder die Gespa wenden und eine Überprüfung anstossen.
Ein entscheidender Fortschritt seit 2019: Die Sperren gelten anbieterübergreifend. Wer sich bei Sporttip sperren lässt, ist automatisch auch bei Jouez Sport und bei allen Schweizer Online-Casinos gesperrt. Das verhindert das sogenannte „Ausweichen“ – wer bei einem Anbieter gesperrt wird, kann nicht einfach zum nächsten wechseln. In der Schweiz sind rund 60’000 Personen in diesem System erfasst, und seit Januar 2025 wirken diese Sperren auch grenzüberschreitend mit Liechtenstein. Die Konsequenz ist eindeutig: Innerhalb des legalen Schweizer Systems gibt es kein Schlupfloch. Wer gesperrt ist, bleibt gesperrt – bei jedem lizenzierten Anbieter, online und offline, in der Schweiz und seit neuestem auch im Fürstentum.
Die Wirkung der gegenseitigen Sperren mit Liechtenstein
Seit dem 7. Januar 2025 gelten Spielersperren gegenseitig zwischen der Schweiz und Liechtenstein. Das bedeutet: Wer in der Schweiz gesperrt ist, kann auch in Liechtensteiner Casinos nicht mehr spielen – und umgekehrt. Der Fachverband Sucht hat die Massnahme klar bewertet: Sie hat ihre Wirkung deutlich gezeigt. Die Casinos in Liechtenstein meldeten nach Einführung der gegenseitigen Sperren einen Umsatzrückgang von 85 Prozent.
Diese Zahl ist bemerkenswert. Sie zeigt, dass ein erheblicher Teil der Liechtensteiner Casino-Kunden aus der Schweiz kam und bereits gesperrt war. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit hat eine Lücke geschlossen, die jahrelang ausgenutzt wurde. Für Sportwetter ist das Signal klar: Das Sperrsystem wird laufend verschärft, und Ausweichmöglichkeiten werden systematisch eliminiert.
Anlaufstellen und Hilfsangebote für Betroffene
Die Schweiz verfügt über ein Netz von Beratungsstellen, die kostenlos und vertraulich Hilfe bei Spielsucht anbieten. In jedem Kanton gibt es mindestens eine spezialisierte Suchtberatungsstelle, und die Wartezeiten sind in der Regel kurz.
Die Telefonberatung ist der schnellste Einstieg. Die kantonalen Suchtberatungsstellen bieten telefonische Erstgespräche an, die anonym geführt werden können. Danach folgen persönliche Beratungsgespräche, therapeutische Begleitung oder die Vermittlung an spezialisierte Kliniken – je nach Schwere der Situation.
Online-Angebote haben in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Mehrere kantonale Stellen bieten Chat-Beratungen und Selbsttests an, mit denen du dein eigenes Spielverhalten einschätzen kannst. Diese Tests ersetzen keine professionelle Diagnose, können aber ein erster Impuls sein, das eigene Verhalten zu hinterfragen. Wer feststellt, dass er mehr Zeit und Geld aufwendet als geplant, sollte diesen Impuls ernst nehmen.
Die 6.2 Millionen Franken, die 2025 für Prävention bereitgestellt wurden, finanzieren auch Aufklärungskampagnen in Schulen, Sportvereinen und am Arbeitsplatz. Das Ziel ist, Risikoverhalten frühzeitig zu erkennen – bevor eine Sperre nötig wird. Wer seine Wettausgaben über legale Schweizer Anbieter abwickelt, hat Zugang zu integrierten Schutzinstrumenten wie Einzahlungslimits und Selbstsperren. Bei ausländischen Anbietern existieren diese Schutzmechanismen in der Regel nicht – ein weiterer Grund, warum der legale Weg nicht nur steuerlich, sondern auch im Hinblick auf den eigenen Schutz der bessere ist.